Offener Brief an eine Vierjährige

Liebe Paulina,

du fragst  mich, warum du nicht wie deine Nachbarskinder in Wolfratshausen in den Kindergarten gehen darfst? Ich werde versuchen, dir die Geschichte dazu zu erzählen:

Es gab einst in Wolfratshausen einen sehr schönen Kindergarten, stell dir vor, direkt am Waldrand, in einem uralten berühmten Haus (dem „Bruckmaier“). Die Kinder und Erzieherinnen waren glücklich dort, gingen jeden Tag hinaus in den geliebten Wald, aber das Haus wurde älter und verfiel, dann sollte es anders verwendet werden, und die Kinder und ihre Erzieherinnen mussten ausziehen - nach 25 Jahren. Sie suchten und suchten eine neue schöne Bleibe, aber fanden nichts. In ihrer Not fragten sie im Rathaus um Hilfe, aber immer wieder wurde ihnen gesagt, es gäbe keinen anderen Ort, man könne nicht helfen. Da sammelten sie Geld von allen Freunden (und einer Bank) und wollten das Haus mit der spannenden Geschichte kaufen, um es wieder schön für viele kleine Kinder herzurichten. Aber dazu brauchten sie die Leute im Rathaus, damit sie den Bedarf an zwei Kindergartengruppen und zwei Krippengruppen anerkennen. Das wollten die im Rathaus aber nicht. (Klingt komisch, ist aber so.) Als die vom Kindergarten dann einen schönen Platz fanden, an dem sie ein anderes Haus als Kindergarten bauen wollten, sagten die im Rathaus wieder, sie würden den Bedarf nicht anerkennen. So fehlte denen vom Temenos-Kindergarten die Förderung und so konnte da auch kein neues Haus gebaut werden. Schließlich waren sie obdachlos und mussten in Container umziehen, um überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben. Sie baten die Leute aus dem Rathaus um Hilfe, einen Platz für die Container zu finden, aber die sagten zum dritten Mal, dass sie nicht helfen könnten; es gäbe keinen einzigen Platz in ganz Wolfratshausen, an dem solche Container stehen könnten. Also wanderten die Kinder in die Nachbarstadt, um dort anzufragen. Im Rathaus dort waren die Menschen ganz nett und hilfsbereit, und gaben ihnen erst einen Platz für ihre Container, und dann auch noch ein Grundstück, auf dem sie jetzt ein schönes neues Haus bauen dürfen. Da freuten sich die Kinder und ihre Familien! Sie haben es sich in ihren Containern so gemütlich wie möglich gemacht, und gerade fangen die Handwerker an, ihr neues Haus zu bauen. Und noch mehr freuen sich die Geretsrieder Familien, die bald so einen schönen, neuen Kindergarten bekommen, mit zwei Kindergartengruppen, zwei Krippengruppen und einer Hortgruppe.

Aber plötzlich merken die im Rathaus in Wolfratshausen, dass ihnen just zwei Kindergartengruppen, zwei Krippengruppen und eine Hortgruppe fehlen. Und dass vor zwei Jahren ein Kindergarten abhandengekommen war, und dass sie ganz schnell ganz viele Plätze brauchen. Nun suchen sie nach einem Grundstück, wo sie Container dafür hinstellen wollen, und sind guten Mutes, wirklich einen Platz zu finden. (Klingt komisch, ist aber so.) Und sie suchen Container (ja richtig - bald werden welche in Geretsried frei), und sie suchen einen Träger (ja richtig - da gäbe es einen, der seit knapp 30 Jahren ganz tolle Arbeit macht, aber das ist ja jetzt leider bald ein Geretsrieder Verein), und sie suchen pädagogisches Fachpersonal. Und dann suchen sie noch viel Geld im Wolfratshauser Stadtsäckl, das nicht eingeplant ist.

Ja, Paulina, das ist wirklich eine traurige Geschichte, zumindest für viele Wolfratshauser Kinder und ihre Familien. Aber der Klausi, unser neuer Bürgermeister, hat bestimmt ein großes Herz für Kinder, und drum bin ich sicher, dass die Geschichte ein gutes Ende bekommt.

Deine Annette